Erbarmen

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© NFP Christian Geisnaes

Skandinavier sind ein interessantes Völkchen. Im Humor eher trocken und etwas zurückhaltend. Die meisten Filme dürfen/müssen sie auf englisch anschauen. Kaffee scheint ihnen wichtig zu sein und irgendwie fahren sie auf Erdbeeren ab. Davon ab schaffen es Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland auch immer wieder in die Top-Ten der Länder in denen die Menschen statistisch gesehen am zufriedensten sind. Wobei, es kommt halt auch immer darauf an wen man fragt. Mich hat noch keiner gefragt wie zufrieden ich bin. Ich kann mich im großen und ganzen nicht beschweren. Auch ohne Porsche, Villa und Boot (zählt ein Schlauchboot?). Außerdem schwankt das ja auch mit der Uhrzeit. Fragt mich lieber nicht morgens um 05:50 wie zufrieden ich denn so bin. Das drückt den Schnitt.

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© NFP Christian Geisnaes

Die Skandinavier haben aber auch eine dunkle Seite. Regelrecht düster. Das drücken sie dann gerne in Krimis aus, gegen die unser geliebter „Tatort“ wie eine Gute-Nacht-Geschichte für Vorschulkinder wirkt. Eine Leiche genügt denen da nur selten. Und wenn doch dann muss die schon übel zugerichtet sein. Und wenn wirklich mal gar keiner sterben will dann muss irgend jemand ganz arg gefoltert, misshandelt und im Keller eingesperrt werden. Warum das so ist? Keine Ahnung. Zu lange Winter? Gepanschter Wodka? Zu wenig richtige Verbrechen vor der eigenen Haustüre? Ich kann es euch nicht sagen. Aber Fakt ist: Die Bücher von Jussi Adler-Olson sind solche Krimis. Und eines dieser Bücher ist die Vorlage für den Film „Erbarmen“.

Der Film ist düster, der Film ist dunkel, der Film macht einem unterschwellig Angst. Es ist nicht diese „Oh oh, jetzt passiert was“ Angst. Die Angst kommt still und heimlich, setzt sich in eurer Magengegend fest und ihr habt die nächsten 97 Minuten ein bedrückendes Gefühl das ihr nicht richtig beschreiben könnt. Diese „Angst“ ist subtiler, leiser. Sie ist wie ein tiefes Brummen ohne konkreten Ursprung. Und genau das macht für mich den Reiz eines guten skandinavischen Krimis aus.

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© NFP Christian Geisnaes

Ich muss zu meiner Schande gestehen die Bücher nicht gelesen zu haben. Aber es gibt einfach zu viele gute Bücher um alle zu lesen. Allerdings habe ich aus einer vertrauenswürdigen und sehr zuverlässiger Quelle erfahren, dass die Schauspieler nahezu perfekt auf die Rollen passen. Nokilay Lie Kaas als Carl Mørck und Fares Fares als Assad. Nokilay Lie Kaas als leicht abgehalfterter und schwer gebeutelter Polizist der eigentlich keine richtigen Perspektiven (weder beruflich noch privat) mehr hat, Fares Fares als Antriebsfeder (die ab und an auch bremsen muss). Es ist einfach ein tolles Team. Überhaupt bestehen meiner Meinung nach die besten Teams meist aus Leute mit stark unterschiedlichen Eigenschaften (also gefühlt zumindest). Ansonsten könnte man ja auch Selbstgespräche führen.

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© NFP Christian Geisnaes

Die Bilder des Films sind düster, dunkel und verraucht. Es hat was, es fesselt. Wenn die Schauspieler im Halbdunkel stehen, nur eine kleine Schreibtischleuchte die gequält gegen die Dunkelheit im Büro des neu gegründeten Dezernat Q kämpft. Es zieht einen mit sich, man taucht ein in diese Welt. Überhaupt ist es eine ganz andere Art von Krimi, nicht zu vergleichen mit den meisten deutschen Produktionen. Mit amerikanischen sowieso nicht. Aber es ist schwer in Worte zu fassen. Und schließlich muss man ja auch nicht alles mit Gewalt zerreden.

Und dann die Story. Hartes Zeug, gut umgesetzt (ich erwähnte eingangs die vertrauenswürdigen und sehr zuverlässiger Quelle). Ich werde hier jetzt nicht Spoilern, aber lieber Herr Gesangsverein (da hab ich mich auch gefragt woher das eigentlich kommt. Wer hätte es gedacht, die Christen sind schuld) … Wer denkt sich denn sowas aus? Also nicht dass es unglaubwürdig oder schlecht wäre. Nein, es ist wirklich gut! Aber es ist schon heftig für solch ein zartes Pflänzchen wie ich es doch bin.

Aber tief in uns mögen wir sowas doch. Gebt es zu! Den schrecken vor Augen gehalten, nicht hektisch aufgeregt, sondern nüchtern und trocken wie es (fast) nur skandinavische Krimiautoren hin bekommen. Erfrischend anders. Klar, wer überwiegend Filme bevorzugt die aus 2 Stunden Ballerorgie, markigen Sprüchen und einer Story bestehen, die man in aller Ausführlichkeit auf dem dazugehörigen Kinoticket niederschreiben könnte, der ist hier falsch. Also ganz falsch. Für alle anderen gibt es aber eine ganz klare Empfehlung für „Erbarmen“. Sehenswert! Mein Fazit: 7,5/10 Punkte.

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